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Wir waren sehr überrascht. Ingrid Helfer hatte sich zuvor
noch nie bei uns gemeldet. Sie spendete nicht, bat nie um Informationen
über ihre Krankheit, besuchte nie eines unserer Beratungszentren
und doch: sie setzte uns als Alleinerbe ein.
Wir wollten natürlich wissen, wer Ingrid war, wie sie lebte
und wie sie starb. Der Notar und Testamentsvollstrecker bat uns,
an die Wohnadresse von Ingrid zu kommen. Meine Kollegin und ich
fuhren nach Preßbaum und trafen dort auch die Nachbarin
von Ingrid. Der Notar nahm Dokumente, Wertgegenstände an
sich, erstellte eine Liste und teilte uns mit, wie die Sache
weitergehen würde. Dann verabschiedete er sich. Wir baten
die Nachbarin, die Ingrid Helfer offensichtlich gut kannte, noch
ein wenig zu bleiben, und uns von Ingrid zu erzählen.
Sie sei verheiratet gewesen, ihr Mann sei aber leider vor vielen
Jahren mit dem Flugzeug abgestürzt, die Ehe war kinderlos.
Ihr Bruder (verstarb in sehr jungen Jahren an Krebs), ihre Eltern
und ihre Schwiegereltern seien tot und vor einigen Jahren erkrankte
sie an Krebs. Sie sei im Grunde eine sehr einsame Frau gewesen.
Wir suchten nach einem Adressbuch oder Aufzeichnungen, um eventuelle
Freunde und Verwandte zu finden. Ein paar Namen konnte uns auch
die Nachbarin nennen. Viele waren es nicht. Wir wollten das Begräbnis
in Auftrag geben und alle, die Ingrid nahe standen, einladen bzw.
zumindest informieren.
Beim Organisieren der Beerdigung mussten wir feststellen, dass
ein weitschichtiger Verwandter von Ingrid kurz nach ihrem Ableben
in Wien war und ein Billigbegräbnis bereits in
Auftrag gab. Als er jedoch herausfand, dass er und seine Familie
nicht erben würden, reiste er ab.
Wir änderten den Auftrag und waren der Meinung, dass einige
Dinge wie zumindest Musik doch wohl angebracht wären ...
Ingrid hatte leider testamentarisch nur festgelegt, dass sie eine
Feuerbestattung wünsche und im Grab ihres Mannes beerdigt
sein möchte.
Man hält es nicht für möglich, was dann geschah.
Angeblich in Liebe verbundene Menschen meldeten sich und warfen
uns vor, dass Ingrid nie eine Feuerbestattung gewollt haben
kann und wie wir das nur tun können. Wir versuchten
diesen Menschen zu erklären, dass Ingrid dies testamentarisch
so festgelegt hätte und daran nichts geändert werden
kann (und auch nicht sollte).
Im Mai wurde von der Kirche in Preßbaum eine Seelenmesse
für Ingrid organisiert. Wir wollten gerade hineingehen, als
uns eine Dame aufhielt und ansprach. Sie sind doch von der
Krebshilfe, oder? Ja, sind wir. Ich habe Ingrid, als
sie Anfang Mai ins Spital eingeliefert wurde, meinen Walk-man
geliehen, den hätte ich gerne zurück ....
Wir waren wieder einmal betroffen. Zu Beginn einer Seelenmesse
für die verstorbene Ingrid denkt man an den Walkman ...?
Wir versicherten der besorgten Dame, dass wir nach der Seelenmesse
drüber sprechen können, aber den Zeitpunkt eher unpassend
fänden. Es weinte keiner. Wir standen in der letzten Reihe,
alle anderen saßen und wir konnten daher die Anwesenden
gut beobachten. Ich weiß, dass man Schmerz und Trauer auch
anders zum Ausdruck bringen kann, aber ...
Die Beerdigung fand am Neustifter Friedhof statt. Einige Menschen
waren erschienen. Wir kannten lediglich die Nachbarin. Was uns
aber sehr, sehr berührte, war der Umstand, dass wieder keiner
weinte (außer der Nachbarin).
In den darauffolgenden Tagen, Wochen und Monaten mussten wir
laut Notar die Wohnung räumen. Wir fanden Fotos,
Briefe, sehr viele persönliche Unterlagen, aus denen wir
stückchenweise das Leben von Ingrid Helfer wie in einem Puzzle
zusammenbauen konnten.
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