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  Ingrid Margareta Helfer  
         
    „Mir fehlt nichts!“
Es war Mitte Mai als wir einen Anruf erhielten. Ein Notar aus Purkersdorf teilte uns mit, dass eine liebe Mandantin, Frau Ingrid Margareta Helfer, geb. Meusburger, am 12.5.2001 nach langem schweren Leiden verstarb. Vielleicht aufgrund Ihrer Vergangenheit, vielleicht aufgrund Ihrer Krankheit, vielleicht aber aufgrund schwerer Schicksalschläge und der darauffolgenden Einsamkeit hat sie die Österreichische Krebshilfe als Alleinerben eingesetzt.
 
  Ingrid Margareta Helfer 1943-2001      
         
 

Wir waren sehr überrascht. Ingrid Helfer hatte sich zuvor noch nie bei uns gemeldet. Sie spendete nicht, bat nie um Informationen über ihre Krankheit, besuchte nie eines unserer Beratungszentren und doch: sie setzte uns als Alleinerbe ein.

Wir wollten natürlich wissen, wer Ingrid war, wie sie lebte und wie sie starb. Der Notar und Testamentsvollstrecker bat uns, an die Wohnadresse von Ingrid zu kommen. Meine Kollegin und ich fuhren nach Preßbaum und trafen dort auch die Nachbarin von Ingrid. Der Notar nahm Dokumente, Wertgegenstände an sich, erstellte eine Liste und teilte uns mit, wie „die Sache“ weitergehen würde. Dann verabschiedete er sich. Wir baten die Nachbarin, die Ingrid Helfer offensichtlich gut kannte, noch ein wenig zu bleiben, und uns von Ingrid zu erzählen.

Sie sei verheiratet gewesen, ihr Mann sei aber leider vor vielen Jahren mit dem Flugzeug abgestürzt, die Ehe war kinderlos. Ihr Bruder (verstarb in sehr jungen Jahren an Krebs), ihre Eltern und ihre Schwiegereltern seien tot und vor einigen Jahren erkrankte sie an Krebs. Sie sei im Grunde eine sehr einsame Frau gewesen.

Wir suchten nach einem Adressbuch oder Aufzeichnungen, um eventuelle Freunde und Verwandte zu finden. Ein paar Namen konnte uns auch die Nachbarin nennen. Viele waren es nicht. Wir wollten das Begräbnis in Auftrag geben und alle, die Ingrid nahe standen, einladen bzw. zumindest informieren.

Beim Organisieren der Beerdigung mussten wir feststellen, dass ein weitschichtiger Verwandter von Ingrid kurz nach ihrem Ableben in Wien war und ein „Billigbegräbnis“ bereits in Auftrag gab. Als er jedoch herausfand, dass er und seine Familie nicht erben würden, reiste er ab.

Wir änderten den Auftrag und waren der Meinung, dass einige Dinge wie zumindest Musik doch wohl angebracht wären ... Ingrid hatte leider testamentarisch nur festgelegt, dass sie eine Feuerbestattung wünsche und im Grab ihres Mannes beerdigt sein möchte.

Man hält es nicht für möglich, was dann geschah. Angeblich in Liebe verbundene Menschen meldeten sich und warfen uns vor, dass Ingrid „nie eine Feuerbestattung gewollt haben kann“ und wie wir das nur tun können. Wir versuchten diesen Menschen zu erklären, dass Ingrid dies testamentarisch so festgelegt hätte und daran nichts geändert werden kann (und auch nicht sollte).

Im Mai wurde von der Kirche in Preßbaum eine Seelenmesse für Ingrid organisiert. Wir wollten gerade hineingehen, als uns eine Dame aufhielt und ansprach. „Sie sind doch von der Krebshilfe, oder?“ Ja, sind wir. „Ich habe Ingrid, als sie Anfang Mai ins Spital eingeliefert wurde, meinen Walk-man geliehen, den hätte ich gerne zurück ...“.

Wir waren wieder einmal betroffen. Zu Beginn einer Seelenmesse für die verstorbene Ingrid denkt man an den Walkman ...?

Wir versicherten der besorgten Dame, dass wir nach der Seelenmesse drüber sprechen können, aber den Zeitpunkt eher unpassend fänden. Es weinte keiner. Wir standen in der letzten Reihe, alle anderen saßen – und wir konnten daher die Anwesenden gut beobachten. Ich weiß, dass man Schmerz und Trauer auch anders zum Ausdruck bringen kann, aber ...

Die Beerdigung fand am Neustifter Friedhof statt. Einige Menschen waren erschienen. Wir kannten lediglich die Nachbarin. Was uns aber sehr, sehr berührte, war der Umstand, dass wieder keiner weinte (außer der Nachbarin).

In den darauffolgenden Tagen, Wochen und Monaten mussten wir – laut Notar – die Wohnung räumen. Wir fanden Fotos, Briefe, sehr viele persönliche Unterlagen, aus denen wir stückchenweise das Leben von Ingrid Helfer wie in einem Puzzle zusammenbauen konnten.

 

 
 

Ingrid wurde am 20.7.1943 mitten in den Krieg hinein geboren. Sie verlebte – trotz der Kriegswirrnisse - eine sehr liebevolle Kinderheit. In einem Fotoalbum, welches Ingrid’s Mutter liebevoll beschriftet hatte, fanden wir dieses Bild. Damals fehlte ihr mit Sicherheit nichts ...

Ihre Eltern hatten am 8. Oktober 1940 geheiratet. Ihr Vater, DI Karl Anton Meusburger war Flugzeugbauer und ist im Alter von 79 Jahren in Salzburg verstorben.

 
 

Ihre Mutter Margareta Meusburger, geb. Schwarz, war anfangs Kontoristin, nach der Heirat mit Ingrid’s Vater und der Geburt von Ingrid widmete sie sich aber nur mehr ihrer geliebten Ingrid. Ingrid’s Mutter verstarb am 26. August 1995.

Ingrid war römisch-katholisch und absolvierte eine Ausbildung als technische Zeichnerin. Sie maturierte in Wien und studierte 4 Semester Architektur. Von ihren Zeugnissen wissen wir, dass sie eine sehr gewissenhafte Mitarbeiterin gewesen sein muß.

 
 

In den 60er Jahren lernte sie ihren späteren Mann, Ing. Peter Helfer kennen und lieben. Die Hochzeit fand am 30.3.1968 in Grinzing/Wien statt.

Peter Helfer wurde 1942 in Berlin geboren. Er war Flugsicherungstechniker und ein begeisteter Segelflieger und Segel- und Segelkunstfluglehrer sowie Privatpilot.

 
  Seit 25.3.1964 war er österreichischer Staatsbürger. Seine große Leidenschaft galt dem Fliegen. 1977 wurde er Segelflug-Landesmeister, am 15.12.75 wurde ihm das Goldene Leistungsabzeichen durch die FAI (Fédération Aéronautique Internationale) verliehen, am 18.11.76 der Streckenflug-Diamant durch die Oberste Nationale Flugsportkommission.
 
  Ingrid und Peter waren gerade 9 Jahre verheiratet als Peter wieder einmal „in die Luft ging“. Es war der 26. August 1977. Ingrid war noch in Wien und wollte Ihren Mann am Abend in Mariazell treffen, als plötzlich das Telefon läutete. Das Telefonat können wir Ihnen aufgrund von Aufzeichnungen wie folgt wiedergeben:
     
„Sind Sie mit einem Dipl.Ing. Peter Helfer verwandt?“
„Ja. Sie meinen Ing. Peter Helfer. Warum wollen Sie das wissen? Ich bin seine Frau“
„Ich möchte es nur wissen. Ist Ihr Mann Segelflieger?“
„Ja“.
„Wo ist Ihr Mann?“
„In Mariazell. Er fliegt dort. Warum wollen Sie das wissen?“
„Nur so“.
„Wenn Sie etwas von uns wissen wollen, dann können Sie uns Samstag und Sonntag in Mariazell erreichen. Ich fahre heute abend hin!
„Danke.“
Der Mann war ein Journalist der Steirerkrone, der kurz zuvor vom Gendarmerieposten Veitsch verständigt wurde, dass es einen Flugzeugabsturz gegeben hatte. Peter Helfer stürzte am 26.8.1977 in der Hohen Veitsch (Hundsschupfe) ab, nachdem er – einer der erfahrensten Segelflieger seiner Zeit – angeblich die Trasse einer Materialseilbahn gestreift hatte. Aus diversester Korrespondenz zwischen Peter’s Vater und Behörden, dem Segelclub, Augenzeugen etc. wissen wir, dass die genauen Ursachen des Absturzes irgendwie nie geklärt werden konnten. Peter Helfer war auf der Stelle tot.

Wie unermesslich das Leid von Ingrid gewesen sein muß, können wir nur erahnen.
In den letzten Jahren Ihres Lebens verlor sie Vater, Mutter und Schwiegereltern und war damit ganz allein. Sie hatte sicher einige Menschen, die sie in gewissen Phasen ihres darauffolgenden Lebens streckenweise begleitet hatten, aber im Grunde war sie allein. Sie malte Bilder, knüpfte Teppiche und strickte.

Dann eines Tages erfuhr sie die schreckliche Diagnose: Zungenbodenkarzinom. Es folgten einige Operationen, Chemotherapien, Nachbehandlung. Die Ärzte im AKH kämpften um ihr Leben. Inwieweit Ingrid noch kämpfte, wissen wir nicht. Zuletzt konnte sie kaum mehr sprechen und sich nur mithilfe eines Laptops verständlich machen. Univ.Prof.Dr. Pötter, Leiter der Strahlentherapie im AKH und behandelnder Arzt, erinnert sich:“Ich erinnere mich gut an Ingrid Helfer. Wir hatten das lokale Karzinom eigentlich schon besiegt. Um ihre Kieferbeweglichkeit wieder herzustellen, war auch schon ein Operationstermin vereinbart. Dann stellten wir eine diffuse Metastasierung fest. Sie verstarb im AKH am 12.5.2001.

Liebe Ingrid Helfer. Wir danken für Dein Vermächtnis, das wir genauso einsetzen werden, wie Du es von uns erwartest. In tiefer Dankbarkeit und zu Deinem ewigen Gedenken werden wir unsere Beratungsstellen weiter ausbauen, damit wir noch flächendeckender in ganz Österreich erreichbar sind. Damit hilfst Du uns – über Deinen Tod hinaus – weiterhin gegen Krebs zu kämpfen. Ruhe sanft und in Frieden!